Wer sich für einen Welpen entschieden hat, kommt oft ziemlich schnell zur nächsten Frage: Rüde oder Hündin?
Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht.
Natürlich gibt es praktische Unterschiede. Eine Hündin wird läufig, ein Rüde kann wiederum sehr deutlich auf läufige Hündinnen reagieren. Auch Körperbau und Größe unterscheiden sich im Durchschnitt etwas.
Beim Charakter wird es komplizierter.
Gibt es typische Charakterunterschiede?
Wissenschaftlich lassen sich bei einzelnen Verhaltensmerkmalen durchaus durchschnittliche Unterschiede zwischen Rüden und Hündinnen finden. Eine Übersichtsarbeit zu Geschlechtsunterschieden bei Hunden fasst unter anderem folgende Tendenzen aus verschiedenen Studien zusammen:
Rüden zeigten im Durchschnitt häufiger:
- höhere Selbstsicherheit beziehungsweise „Boldness“
- bestimmte Formen von Aggressionsverhalten
- mehr soziales Spiel mit Menschen
- teilweise geringere Ängstlichkeit gegenüber Fremden oder unbekannten Situationen
Hündinnen zeigten im Durchschnitt häufiger:
- stärkere Orientierung am Menschen in kooperativen Aufgaben
- in manchen Untersuchungen mehr Kontaktaufnahme zu Menschen
- stärkere Aufmerksamkeit auf einzelne soziale oder physische Reize
- in einigen Studien höhere Vorsicht beziehungsweise Ängstlichkeit
Das sind statistische Tendenzen und keine festen Charaktereigenschaften eines Geschlechts. Nicht jede Studie findet dieselben Unterschiede, und Faktoren wie Rasse, Alter, Aufzucht, Erfahrungen und Persönlichkeit können mindestens ebenso wichtig sein.
Unsere eigenen Hunde zeigen das ziemlich gut.
Koda war deutlich ruhiger, kuscheliger und stärker auf seine Bezugsperson konzentriert. Gleichzeitig konnte er ausgesprochen dickköpfig sein. Coco ist energetischer, selbstständiger und sehr schnell für Aktivitäten zu begeistern.
Ob diese Unterschiede am Geschlecht lagen oder einfach daran, dass Koda Koda und Coco Coco ist, lässt sich aus zwei Hunden natürlich nicht ableiten.
Und was ist mit kastrierten oder sterilisierten Hunden?
Auch das sollte man bei solchen Vergleichen berücksichtigen.
Bei einer Kastration werden die hormonproduzierenden Geschlechtsorgane entfernt, wodurch sich der Sexualhormonhaushalt verändert. Eine Sterilisation verhindert dagegen lediglich die Fortpflanzung; die hormonproduzierenden Organe bleiben erhalten.
Studien zeigen, dass eine Kastration bestimmte sexualbezogene Verhaltensweisen wie Streunen oder Aufreiten reduzieren kann. Bei Eigenschaften wie Ängstlichkeit, Selbstsicherheit oder Aggressionsverhalten sind die Ergebnisse dagegen deutlich uneinheitlicher. Einige Untersuchungen fanden bei kastrierten Hunden beispielsweise geringere Boldness oder höhere Ängstlichkeit beziehungsweise Reaktivität. Eine Kastration macht einen Hund also nicht automatisch ruhiger oder einfacher. Die Forschung dazu ist komplex und lässt keine allgemeine Charaktervorhersage zu.
Eine ausführlichere Übersicht bietet unter anderem diese Review zur Kastration und zum Verhalten von Hunden.
Wo das Geschlecht im Alltag wirklich einen Unterschied macht
Deutlich greifbarer sind die praktischen Unterschiede.
Im Folgenden sprechen wir teilweise von intakten Hunden. Damit sind Hunde gemeint, deren hormonproduzierende Geschlechtsorgane nicht durch eine Kastration entfernt wurden.
Eine Hündin wird regelmäßig läufig. In dieser Zeit können Kontakte zu Rüden deutlich schwieriger werden oder müssen ganz vermieden werden. Spaziergänge müssen stärker geplant werden, Freilauf ist je nach Hund eingeschränkt und auch Hundeschule oder andere gemeinsame Aktivitäten können komplizierter werden.
Coco wird während ihrer Läufigkeit beispielsweise ruhiger und teilweise verschmuster.
Bei einem Rüden gibt es dafür ein anderes Thema: läufige Hündinnen in der Umgebung.
Wenn die Hündin in der Nachbarschaft läufig ist
Das war bei Koda teilweise sehr deutlich.
Eine seiner besten Hundefreundinnen war eine Dackelhündin namens Ypsi. Wenn sie läufig war, saß Koda manchmal an unserer Tür und winselte. Anfangs dachte ich, er müsse dringend raus.
Draußen lief er dann allerdings ziemlich zielstrebig zu Ypsis Haus und wartete dort in der Hoffnung, dass sie vielleicht herauskommt.
Auch beim normalen Spaziergang konnte es passieren, dass er dort plötzlich nicht mehr weiterlaufen wollte. In solchen Phasen fraß er teilweise schlechter, zog mehr und war deutlich schwerer mit anderen Dingen zu motivieren.
Genau hier liegt ein Unterschied, über den man vor der Entscheidung selten nachdenkt.
Bei einer Hündin kennt man ihre eigenen Läufigkeitsphasen relativ genau. Bei einem Rüden hängt der Aufwand dagegen stark davon ab, wie viele Hündinnen in der Umgebung leben und wie stark er darauf reagiert.
Wohnt kaum eine Hündin in der Nähe, kann dieses Thema nahezu keine Rolle spielen. Leben dagegen viele Hunde in der Nachbarschaft, können über einen längeren Zeitraum immer wieder unterschiedliche Hündinnen läufig sein. Ein empfindlich reagierender Rüde kann dadurch insgesamt sogar länger beeinflusst sein als eine einzelne Hündin durch ihre eigene Läufigkeit.
Deshalb würde ich weder Rüde noch Hündin grundsätzlich als die praktischere Wahl bezeichnen.
Markieren ist nicht nur ein Rüden-Thema
Koda hat draußen sehr viel markiert.
Eine kurze Runde konnte sich dadurch durchaus verlängern, weil gefühlt jeder zweite interessante Grashalm noch eine Nachricht benötigte.
Als Coco jung war, dachte ich dagegen häufig: Wie praktisch. Rausgehen, pinkeln, fertig.
Mittlerweile markiert sie ebenfalls deutlich mehr.
Markieren ist also keineswegs ausschließlich ein Rüdenverhalten. Es gehört zur sozialen Kommunikation von Hunden und kann bei beiden Geschlechtern vorkommen. Bei intakten Rüden spielt es im Zusammenhang mit sexueller Kommunikation allerdings häufig eine besonders sichtbare Rolle.
Mehrhundehaltung: Der vorhandene Hund zählt
Wenn bereits ein Hund im Haushalt lebt, würde ich das Geschlecht stärker berücksichtigen als bei einem Einzelhund.
Gleichgeschlechtliche Kombinationen können selbstverständlich hervorragend funktionieren. Trotzdem können sich Beziehungen mit zunehmender Geschlechtsreife verändern.
Bei Koda haben wir das beispielsweise mit seinem Halbbruder erlebt. Als junge Hunde verstanden sie sich sehr gut. Mit zunehmender Geschlechtsreife wurde die Dynamik zwischen ihnen deutlich schwieriger.
Daraus würde ich keinesfalls ableiten, dass zwei Rüden grundsätzlich problematisch sind. Für mich zeigt es vielmehr, warum der bestehende Hund, die individuellen Charaktere, Alter und Geschlecht gemeinsam betrachtet werden sollten.
Bei einem Rüden und einer Hündin, die beide intakt sind, kommt wiederum das Läufigkeitsmanagement hinzu.
Koda bemerkte teilweise schon Wochen vor Cocos eigentlicher Läufigkeit, dass sich etwas veränderte. Während der entscheidenden Phase mussten die beiden selbstverständlich zuverlässig getrennt werden.
Rüde oder Hündin als Ersthund?
Ich würde die Entscheidung nicht primär davon abhängig machen.
Beides kann gut funktionieren.
Viel wichtiger finde ich die Frage: Welcher Welpe passt charakterlich zum zukünftigen Zuhause?
Auch der Pembroke Welsh Corgi Club of America empfiehlt, bei der Auswahl stärker auf das Temperament des einzelnen Welpen als ausschließlich auf das Geschlecht zu schauen.
Eine eher ruhige Familie kann mit einem ausgeglicheneren Welpen möglicherweise glücklicher werden als mit dem aktivsten Hund eines Wurfes, unabhängig davon, ob dieser männlich oder weiblich ist. Ein aktiverer und hundeerfahrener Haushalt kommt wiederum vielleicht sehr gut mit einem selbstbewussteren oder energiegeladenen Welpen zurecht.
Deshalb finde ich es sinnvoll, einem Züchter nicht nur zu sagen: „Ich möchte unbedingt eine Hündin“, sondern auch zu erklären, wie der eigene Alltag aussieht und welche Eigenschaften man sich vom Hund wünscht.
Anhänglicher Rüde, einfachere Hündin?
Zwei Aussagen begegnen einem besonders häufig: „Rüden sind verschmuster.“ „Hündinnen sind leichter zu erziehen.“
Unsere persönliche Erfahrung würde die erste Aussage teilweise bestätigen. Koda war deutlich kuscheliger und stärker auf seine Bezugsperson fokussiert als Coco.
Trotzdem würde ich niemals allein deshalb einen Rüden auswählen.
Bei der Erziehung war es ebenfalls nicht so einfach. Koda konnte Regeln ziemlich hartnäckig hinterfragen. Coco war dafür besonders während ihrer Pubertät deutlich chaotischer, energiegeladener und selbstständiger.
Beide waren auf unterschiedliche Weise anspruchsvoll.
Genau deshalb würde ich solche Aussagen eher als mögliche Tendenzen oder persönliche Erfahrungen betrachten und nicht als Entscheidungshilfe für einen einzelnen Welpen.
Und was würden wir selbst wählen?
Unsere eigene Situation zeigt eigentlich ziemlich gut, warum es keine universelle Antwort gibt.
Charakterlich würde ich durchaus wieder sehr gerne mit einem Rüden leben. Gerade Kodas ruhige, verschmuste und sehr menschenbezogene Art vermisse ich.
Aktuell wäre für unseren Haushalt trotzdem eher eine weitere Hündin passend.
Bei uns lebt bereits eine intakte Hündin. Ein intakter Rüde würde das Management während ihrer Läufigkeiten erheblich komplizierter machen. Zusätzlich spielen bei uns natürlich auch unsere Zuchtziele eine Rolle.
Unsere Entscheidung wäre also nicht: Hündinnen sind besser.
Sondern: Eine Hündin passt momentan besser zu unserem Haushalt und unseren Plänen.
Also: Rüde oder Hündin?
Wenn jemand mich heute fragt, würde meine Antwort wahrscheinlich lauten: Kommt darauf an, was du willst und wie dein Alltag aussieht.
Ein Rüde bedeutet nicht automatisch Dominanz, Chaos und ständig außer Kontrolle geratene Hormone. Eine Hündin ist nicht automatisch sanfter, einfacher oder leichter zu erziehen.
Die praktischen Unterschiede sollte man kennen. Läufigkeit, sexuelles Interesse, Markierverhalten und die Kombination mit bereits vorhandenen Hunden können im Alltag durchaus relevant werden.
Für die eigentliche Welpenwahl würde ich aber mindestens genauso stark auf Freundlichkeit, Selbstsicherheit, Ruhefähigkeit, Aktivitätslevel, Menschenorientierung und Gesundheit achten.
Denn am Ende zieht nicht einfach „ein Rüde“ oder „eine Hündin“ ein.
Es zieht ein ganz bestimmter Hund mit einem ganz eigenen Charakter ein.

